Flipped Classroom


📌 Allgemeine Hinweise

Der Flipped Classroom ist ein organisatorisch-didaktisches Konzept, das die traditionelle Rollenverteilung von Lehrer und Schüler umkehrt. Anstatt Inhalte im Unterricht formell zu vermitteln, konsumieren die Lernenden die Inhalte selbstständig zu Hause, z. B. durch Videos, Texte oder Quizze. Die gemeinsame Präsenzzeit wird dann für interaktive Übungen, Diskussionen und Projekte genutzt. Dies fördert aktivere Lernformen und eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Themeninhalt. Im Wissensmanagement dient das Vorgehen dazu, Wissen effizient zu dokumentieren, zu verbreiten, praktisch einzuüben und dauerhaft in der Organisation zu verankern.


🎯 Bestimmungsgemäße Verwendung

Das Werkzeug wird verwendet zum:

  • Onboarding neuer Mitarbeitender, um Basiswissen vorab zu vermitteln.
  • Rollout neuer Tools / Prozesse: Theorie vorab, Praxis im Workshop.
  • Wissenssicherung: Expertenwissen dokumentieren und durch Übungen verbreiten.
  • Kompetenzentwicklung: Transfer in Arbeitsaufgaben sicherstellen.

Nicht vorgesehen als Ersatz für:

  • formale Prüfungen (kann sie ergänzen),
  • reine Informationsverbreitung ohne Anwendbarkeit.

ℹ️ Hintergrundinformationen

Der Flipped Classroom war ursprünglich ein pädagogisches Konzept und wurde aus der Schul- und Hochschuldidaktik adaptiert. Er entstand als Reaktion auf traditionelle Lehrmethoden, bei denen Lernende passive Empfänger von Informationen sind. Hintergrundstudien zeigen, dass aktives Lernen zu einer besseren Wissenssicherung führt. Der Ansatz unterstützt auch verschiedene Lerntypen und fördert die Selbstorganisation der Lernenden.


🔁 Welche Werkzeuge alternativ verwendet werden können

  • Blended Learning: mischt Präsenz- und Online-Phasen, flexibleres Verhältnis.
  • Instructor-Led Training (klassisch): wenn soziales Lernen allein in Präsenz gefordert ist.
  • Self-paced eLearning: wenn kein kollaborativer Transfer notwendig ist.
  • Communities of Practice / Peer Coaching: bei stark erfahrungsbasiertem Wissen.

🔧 Welche anderen Werkzeuge unterstützen können

Technische und organisatorische Unterstützer:

  • LMS / Lernplattformen (z. B. Moodle, Canvas, SharePoint-Lösungen): für Inhalte & Tracking.
  • Video-/Screencast-Tools (z. B. OBS, Loom): zur Erstellung von Lernvideos.
  • Autorentools (Articulate, Rise, H5P): für interaktive Elemente.
  • Quiz-Tools (z. B. Kahoot, Quizlet, integrierte LMS-Quizzes): zur Überprüfung des Lernerfolgs.
  • Kommunikationsplattformen (z. B. MS Teams, Slack) für Diskussion & schnelle Hilfe.
  • Projektmanagement-Tools (Jira, Trello, MS Planner): zur organisatorischen Koordination.

👥 Benötigte Personen

  • Teilnehmende / Lernende: motiviert, mit Zeit zum Vorbereiten.
  • Lehrende / Fachexpert:innen: erstellen Inhalte, prüfen fachliche Korrektheit.
  • Instructional Designer / Didaktiker*innen: strukturieren Lernpfade, Übungen.
  • Technical Support / IT: Plattformbetrieb.
  • Moderation / Facilitatoren (optional): leiten Live-Sessions, sorgen für Transfer.

⏱️ Dauer

Erstellung:

  • Vorbereitung (Pilot): 4–8 Wochen (Inhalte erstellen, Plattform einrichten, Pilotgruppe).
  • Kurzmodule: Vorbereitung 30–90 Minuten pro Modul (für Lernende); Präsenzsession 60–180 Minuten.
  • Komplexe Themen: Asynchrone Vorbereitung mehrere Stunden / Tage; Präsenzfolge(n) über mehrere Termine verteilt.
    Hinweis: Dauerangaben variieren stark mit Komplexität und Zielgruppe — lieber modular planen.

Durchführung:

  • Selbststudiumsphasen: individuell (1–2 Tage pro Thema oder Lernmodul)
  • Präsenz-/Anwendungsphasen: 1–3 Stunden, abhängig von der Komplexität

🗂️ Benötigtes Material

  • Lernvideos (5–15 Minuten pro Kernpunkt empfohlen).
  • Skripte / Leitfäden / Checklisten als PDF oder Seite im Wiki.
  • Kurze Assessments (Vorwissenstest / Quiz).
  • Transferaufgaben / Fallstudien / Arbeitsaufträge für Präsenzsitzungen.
  • Diskussionsleitfäden für Moderation.
  • Technische Infrastruktur (LMS, Aufnahmehardware, Headset, Kamera).

🧩 Gerätebeschreibung / Bauplan

Konzept-Bauplan (Prozess-Diagramm):

  1. Analyse
    • Ziel definieren, Zielgruppe, Lernziele, Erfolgskriterien (KPI).
  2. Content-Erstellung
    • Inhalte gliedern → kurze Lern-Assets produzieren (Videos, Texte, Quiz).
  3. Bereitstellung
    • Inhalte in LMS hochladen, Zugriffsrechte setzen, Pre-Work-Mail versenden.
  4. Vorbereitungsphase (Asynchron)
    • Lernende durchlaufen Inhalte, absolvieren Vorab-Quiz, stellen Fragen in Forum.
  5. Live/Sync-Phase
    • Moderator moderiert Anwendung, Praxisfälle, Peer-Feedback, Vertiefung.
  6. Transferphase
    • Aufgaben im realen Arbeitskontext, Follow-up-Coaching.
  7. Evaluation & Pflege
    • Feedback, Lernanalytics, Inhalte aktualisieren.

Physische/technische Minimal-Ausstattung: Laptop mit Webcam & Mikro, Bildschirmaufzeichnungstool, Upload-fähiges LMS/Cloudspeicher, Headset.


🚀 Inbetriebnahme

  1. Ziele festlegen: Welches Wissen soll vermittelt werden werden?
  2. Pilotgruppe auswählen: 5–15 Teilnehmende aus Zielpopulation (für Feedback).
  3. Technik testen: LMS-Zugang, Video-Player, Foren, Rechte & Datenschutz prüfen.
  4. Content minimal funktionsfähig bereitstellen: Mindestens 1 Modul komplett (Video + Aufgabe + Quiz).
  5. Kommunikation & Zeitplanung: Einladung mit klaren Deadlines (Vorbereitungstermine), erwarteter Aufwand angeben.
  6. Lehrende / Facilitatoren briefen: Moderationsleitfaden, Zeitplan, Evaluationsfragen.
  7. Start Pilot & Monitoring: Supportkanal offen halten, erste Analytics prüfen.

⚙️ Bedienung

Für Lernende

  1. Erhalten Einladung mit Link und Deadline.
  2. Bearbeiten die Vorbereitungs-Materialien (Videos, Texte) in der Reihenfolge der Lernziele.
  3. Absolvieren das Vorab-Quiz und notieren Fragen im Forum.
  4. Teilnahme an der Live-Session: aktiv einbringen, Praxisaufgaben bearbeiten.
  5. Setzen Transferaufgabe im Arbeitskontext um und berichten Ergebnisse im Nachgang.

Für Facilitator / Moderator

  1. Prüfen Teilnahme und Vorleistungen im LMS (Wer hat vorbereitet?).
  2. Starten Live-Session mit kurzer Zusammenfassung und Zielsetzung.
  3. Leiten Gruppenaufgaben, Fallstudien, Rollenspiele.
  4. Sammeln Feedback und leiten weitere Ressourcen weiter.
  5. Dokumentieren Erkenntnisse, und stellen ggfs. Updates der Lernmaterialien zur Verfügung..

Für Content Owner / Admin

  1. Überwachen Kennzahlen: Abschlussraten, Quiz-Scores, Forenaktivität.
  2. Aktualisieren Inhalte nach Feedback oder geänderten Prozessen.
  3. Pflegen Zugriffsrechte und Archivieren alte Versionen.

🔄️ Wartung & Pflege

  • Regelmäße Überprüfung: Alle 6–12 Monate Inhalte auf Aktualität prüfen (gesetzliche Änderungen, Prozessanpassungen).
  • Feedback einholen: Nach jeder Durchführung kurze Evaluation (3 Fragen: Was war nützlich? Was fehlt? Vorschläge).
  • Installation technischer Updates: LMS-Plugins, Videoformate, Passwörter, Backups.
  • Versionierung: Inhalte versionieren (Datum, Verantwortliche).

🌟 Expertentipps

  • Chunking: Teile Inhalte in 5–12 Minuten Videos. Kürzere Videos erhöhen Abschlussrate.
  • Actionable Pre-Work: Vorbereitungsaufgaben sollen aktiv sein (kleine Übungen oder Reflexionsfragen), nicht nur passives Anschauen.
  • Low-Fidelity vs High-Fidelity: Für ersten Durchlauf genügen einfache Screencasts; später Produktionsqualität verbessern, wenn ROI positiv.
  • Gamification sparsam einsetzen: Kleine Badges / Punkte für Vorbereitung können Motivation erhöhen, aber nicht ersetzen.
  • Kennzahlen nutzen: Metriken wie Wiedergabedauer, Quiz-Ergebnisverteilung, Forenaktivität sind frühe Indikatoren für Transfer-Risiken.
  • Peer Teaching: Lass Lernende in Live-Sessions Teile erklären — das fördert den Transfer und entlastet Fachexperten.
  • Integration in Arbeit: Transferaufgaben sollten echte Arbeit betreffen und keine theoretischen Einzelfälle sein.
  • Barrierefreies Lernmaterial: Transkripte für Videos, klare Struktur, mobile Zugänglichkeit.

📝 Beispiel (Anwendungsfall: Einführung neues CRM-System)

Ziel: Neue Mitarbeitende sollen grundlegende CRM-Funktionen anwenden können (Lead-Anlage, Kontaktpflege, Pipeline-Update) und diese in den ersten 30 Tagen produktiv nutzen.

Vorbereitung (Asynchron):

  • 3 kurze Videos (5–8 min): Überblick CRM, Lead-Anlage, Reporting.
  • PDF-Schnellstart (1 Seite) + Checkliste.
  • 10-Fragen Quiz (Selbstcheck).

Live-Session (90 min):

  • 10 min Recap & Ziele.
  • 30 min geführte Praxis: Anlegen von 3 Kunden in einer Testumgebung.
  • 30 min Gruppenfall: Ein Kunden-Szenario bearbeiten & Schritte dokumentieren.
  • 20 min Fragen- und Antworten & Tipps für Alltag.

Transferaufgabe (in Jobkontext):

  • Erstelle und aktualisiere in den nächsten 7 Tagen mindestens 5 reale Kunden; lade Screenshots ins LMS-Forum und beschreibe ein Problem/Erfolg.

Evaluation:

  • KPI: 80% der Teilnehmenden haben innerhalb von 14 Tagen 5 Kunden angelegt; durchschnittliche Quiz-Score ≥ 80%.
  • Nach 30 Tagen Follow-up: Nutzerzufriedenheit + Anzahl aktiver CRM-Nutzer.